Autonom fahrende Elektromobile sollen die Transportmittel der Zukunft sein, hört und liest man überall. Die Zukunft selbst mal auszuprobieren, wäre schön. Und ja, in Baden-Württemberg bietet sich in diesem Sommer am Rande der Landesgartenschau in Lahr die einmalige Gelegenheit: Hier dreht ein autonomer Bus seine Runden. Ausnahmsweise mal kein Tesla.

Während Passagiere im Flugzeug ganz unbekümmert dem Autopiloten zwölf Stunden vertrauen, hat das Fahren in einem autonomen Minibus noch Abenteuercharakter. Im August bin ich nach Lahr gefahren, um das erste Mal das Gefühl des autonomen Fahrens kennen zu lernen. Da stehe ich nun an der Haltestelle Bürgerpark und warte auf den Minibus der SWEG. Plötzlich biegt er am Ende der Straße um die Ecke. Der EZ10 darf in Deutschland im autonomen Betrieb nur mit einer maximalen Geschwindigkeit von 15 Stundenkilometern fahren. Daher dauert es dann doch noch ein paar Minuten, bis sich der Bus ganz zaghaft an die Haltestelle tastet und seine beiden Türflügel öffnet. So langsam wie der Bus an die Haltestelle geschlichen war, verlässt ein Vater mit seinem kleine Sohn das Gefährt. Der Kleine ist tief beeindruckt davon, mit einem Bus gefahren zu sein, in dem kein Fahrer saß und der offensichtlich von Geisterhand gesteuert wurde.

Haltestelle für autonomen Bus Lahr

Der autonome Bus fährt die Haltestelle am Eingang der Landesgartenschau in Lahr an

 

Fahrgast Nummer 51

An diesem Tag bin ich Fahrgast Nummer 51 und starte zu meiner ersten Runde. Ein Sicherheitsbegleiter ist an Bord, der in Deutschland vorgeschrieben ist. Per Knopfdruck schließt er die Tür. Langsam nimmt der Bus Fahrt auf und bewegt sich auf die erste Kurve zu. Da beide Achsen gelenkt werden, nimmt er den Bogen ganz flott. Plötzlich drosselt er nach wenigen Metern seine Geschwindigkeit. Der Opa mit seinem Enkel waren den Sensoren offensichtlich zu nahe an der Bordsteinkante. Ich hatte die Beiden gar nicht wahrgenommen, doch den Sensoren scheint nichts zu entgehen. Auch vor einem Zebrastreifen wartet der Bus brav, bis die beiden Personen die Straßenseite gewechselt haben. Die Bussteuerung kann schon ziemlich viel und das ganz von alleine.

Lediglich bei der Einmündung in die Hauptverkehrsstraße wartet das Elektromobil ab, bis der Sicherheitsbegleiter die Taste fürs Weiterfahren drückt. Diese Vorsichtsmaßnahme ist nötig, weil anderen Verkehrsteilnehmer den Bus oftmals unterschätzen und sich noch schnell an ihm vorbei drängen wollen. Zur Sicherheit hat man in der Hauptverkehrsstraße für die Dauer der Testfahrten des autonomen Elektrobusses die Geschwindigkeit auf 30 km/h begrenzt.

Im selbstfahrenden E-Bus ist der Fahrgastzähler „retro“.

 

Auf der schon etwas älteren Fahrbahn spürt man deutlich, dass der Minibus einen kürzeren Radstand hat als ein Standardlinienbus. Er hoppelt bei jeder Bodenunebenheit. Jetzt wird  klar, warum die Fahrgäste während der Fahrt auf einem der sechs Schalensitze Platz nehmen müssen. Bei der nächsten Runde verlassen zwei Rentnerinnen ihre Plätze, um mehr sehen zu können. Sofort bremste der Bus sanft ab und der Sicherheitsbegleiter erläuterte, dass die sieben Stehplätze in Deutschland nicht zugelassen seien.

Dann ging die Fahrt auf dem etwa einen Kilometer langen Rundkurs weiter. Etwa zehn Minuten dauert die Fahrt, die der Minibus mit stoischer Ruhe Runde für Runde absolviert. Wie genau der autonome Bus seine Spur einhält, sieht man auf dem Straßenbelag. Hier hat das Elektromobil in den ersten fünf Betriebswochen schon deutliche Reifenspuren hinterlassen.

Blick aus dem Bus auf den Kreisverkehr in der Schwarzwaldstraße

Ein autonomer Bus für den Alltag?

Ich habe an diesem Nachmittag mehrere Runden mit dem Minibus gedreht. Während keiner Sekunde hatte ich ein unsicheres oder mulmiges Gefühl. Die Fahrpraxis des autonomen Buses überzeugt durchaus. Bei den Punkten, die ich mir nicht selbst erfahren konnte, erkundigte ich mich bei Stephan Wisser, Projektleiter Autonomes Fahren bei der SWEG. Die Südwestdeutschen Landesverkehrs-AG gehört zu 95 Prozent dem Land Baden-Württemberg. Von Herrn Wisser erfuhr ich, dass die nächtliche Ladezeit circa acht Stunden dauert. Dann steht der Bus in einer Abstellhalle. Von dort steuert ihn ein Mitarbeiter manuell mit Hilfe einer Konsole mit zwei Joysticks auf seinen Rundkurs.

Ich fragte Herrn Wisser, ob daran gedacht sei, diesen oder einen vergleichbaren Minibus auch im Regelbetrieb einzusetzen? Stephan Wisser stellte fest: „Bei dem Testeinsatz eines autonom fahrenden Busses in Lahr handelt es sich um ein Pilotprojekt, um diese innovative Form der Mobilität zu präsentieren. Die Technik steht am Anfang der Entwicklung. Ob und, wenn ja, wann diese Fahrzeuge im Regelverkehr eingesetzt werden können, ist derzeit nicht absehbar.“ Der Testeinsatz kostet insgesamt 260.000 Euro. Neben der SWEG beteiligen sich das Land Baden-Württemberg und der Regierungsbezirk Freiburg über Fördermittel an den Kosten.

Joysticks zum manuellen Steuern des Busses

 

Noch ein paar Hintergrundinformation zum französischen Kleinbus

Der Sechssitzer des französischen Herstellers EasyMile fährt in Lahr mit einer auf 15 Stundenkilometer gedrosselten maximalen Fahrgeschwindigkeit. Die installierte Technik würde eine Höchstgeschwindigkeit von 45 Stundenkilometer ermöglichen. Bislang fährt der EZ10 in Deutschland nur auf Basis einer Sondergenehmigung der Straßenverkehrsbehörde, die nur nach einem Gutachten von TÜV oder Dekra erteilt wird. Das gilt auch für die jeweils individuell festgelegte Höchstgeschwindigkeit. Anders als bei konventionellen Fahrzeugen wird bei den autonomen Bussen nicht nur das Fahrzeug selbst geprüft, sondern auch die Fahrtstrecke.

Die Firma EasyMile SAS ist ein Joint Venture des Leichtkraftfahrzeugherstellers Groupe Ligier, S.A. mit der Firma Robosoft Technology PTE Ltd. Inzwischen haben sich auch Alstom und die deutsche Continental AG an EasyMile beteiligt. Die Entwicklung des EZ10 wurde im Rahmen des CityMobil2-Projektes aus dem Siebten Rahmenprogramm der Europäischen Union kofinanziert.

Wer selbst mal mit dem autonomen Bus fahren will

Noch bis Sonntag, 30. September 2018 ist der autonome elektrische Kleinbus zwischen 10-12 Uhr und von 14-16 Uhr unterwegs. Er fährt von der Haltestelle „Bürgerpark Landesgartenschau“ am Eingang der Landesgartenschau in Lahr am Mauerweg über die Haltestelle „Kanadaring“ auf der Schwarzwaldstraße wieder zum Haupteingang der Landesgartenschau.

 

Haltestelle Bürgerpark

Dr. Christoph Jehle

Dr. rer. nat. Christoph Jehle schreibt seit Mitte der 1980 Jahre über Energiethemen, ist Autor des Bandes „Bau von Wasserkraftanlagen“ im VDE-Verlag, war an mehreren Ökodesignvorbereitungsstudien der EU-Kommission beteiligt und schreibt seit vielen Jahren für Telepolis (torial.com/en/christoph.jehle).

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