Wie weit ist die Energiewende gediehen, wie wird sie fortgesetzt? Was muss geschehen, damit sie gelingt? Diese zentralen Fragen der Energiewirtschaft unserer Zeit waren unter anderem Thema bei einem zweitägigen Treffen von 150 EnergiebloggerInnen, Umweltaktivisten und Energieexperten aus Verbänden, Verwaltungen und Wirtschaft.

Name der Konferenz mit dem szenetypischen Format: „Barcamp Renewables“. Es gibt im In- und Ausland inzwischen Hunderte von Barcamps zu allen möglichen Themen Das Format einer solchen „Unkonferenz“ zeichnet sich durch niedrigschwellige Zugänglichkeit (alles kostenlos), offene Programmplanung und generell lockere Atmosphäre aus.

Der Ort des Barcamp Renewables konnte nicht besser gewählt sein: Die Solar Academy des Unternehmens SMA in Kassel. Das Tagungsgebäude am Konzernsitz von SMA, einem Hersteller von Wechselrichtern und Anbieter von solaren Systemlösungen, ist komplett energieautark. Dafür sorgen nicht nur Solaranlagen auf und an dem Gebäude, sondern auch die Ausstattung mit Blockheizkraftwerk sowie umfangreiche Stromspeicher.

Barcamp Renewables

Status Quo und Zukunft der Energiewende

Das Projekt Energiewende in Deutschland beherrschte selbstverständlich in mehreren Vorträgen und Diskussionen die Aufmerksamkeit. Neben einem gewissen Stolz auf das Erreichte ließ sich jedoch eine gewisse Besorgnis feststellen, dass nicht alles so läuft, wie man sich das bei Solaraktivisten und Umweltverbänden vorstellt.

Einige politische Entscheidungen der Bundesregierung in den letzten Monaten (Verzicht auf eine CO2-Abgabe) und geplante Gesetzesvorhaben (Strommarkt 2.0, Einführung SmartMeter) wurden hier teilweise sehr kritisch gesehen. Immer wieder geäußerte These: Zu viel Rücksicht auf die spezifische Interessen verschieben die Koordinaten der Energiewirtschaft in eine Richtung, die die Erreichung der gesetzten Ziele (80% regenerative Energie bis 2050) unmöglich machen.

Kristallisationspunkt der Debatte war eine Diskussionsrunde am Vormittag des 2. Konferenztages. Insbesondere Hans-Josef Fell, Ex-MdB Bündnis 90/Die Grünen und zusammen mit dem SPD-Politiker Hermann Scheer einer der „Väter“ der Energiewende, ließ kein gutes Haar an der aktuellen Situation und forderte eine radikale Reform des EEG. Um die Ziele zu erreichen, müsse CO2-emittierende Stromerzeugung weiter verteuert werden, zum Beispiel durch eine Reform des darniederliegenden Handels mit Verschmutzungszertifikaten, so Fell. Die beschlossene Besteuerung des Eigenverbrauchs von selbst auf dem Dach erzeugten Solarstrom werde sich fatal auf die Zubaugeschwindigkeit bei der Photovoltaik auswirken. Um in der Öffentlichkeit die durch die Preisdiskussion schwindende Akzeptanz der erneuerbaren Energien zu bekämpfen, sollte, so Fell weiter, durchaus mit geopolitischen Erwägungen argumentiert werden: Viele der aktuellen Konflikte basierten auf der Energiefrage, sagte er.

Auf eher technische Hindernisse wies Manfred Haberzettel hin, der bei dem Energieversorger EnBW die Weiterentwicklung des Portfolios verantwortet. So seien zum Beispiel in der Region Hohenlohe oder auch im Schwarzwald viele Standorte in Bezug auf die Windleistung geeignet für die Aufstellung von Windkraftanlagen. Allerdings seien diese eher dünn besiedelt, und das Stromnetz müsste daher zunächst ertüchtigt werden: „Wir müssen erstmal Windsteckdosen bauen.“

Energiewende: Es steht noch ein steiniger Weg bevor

Desillusioniert und gleichzeitig bemerkenswert zukunftsoptimistisch äußerte sich Wolf Breidenbach, Organisator und Lobbyist für die Bewegung der Bürgerenergiegenossenschaften: Die technische Entwicklung bei den erneuerbaren Energien werde die Trägheit der politischen Akteure obsolet machen. Insgesamt konnte man den Eindruck gewinnen, dass der Umstieg auf die Erneuerbaren Energien noch nicht gelungen, sondern dass der Energiewirtschaft noch ein steiniger Weg bevorsteht, der durchaus noch die eine oder andere Kurve nehmen wird. Wobei insbesondere immer wieder vorgenommene Richtungswechsel viele Akteure verunsichern, die dann vor den dringend notwendigen Investitionen zurückschrecken.

Diskussionsrunde

 

Abseits solcher Diskussionen mit dem ganz großen Horizont konnte man auf der Konferenz an einigen für ein Barcamp üblichen Vorträgen (Sessions) teilnehmen, die sich fast alle durch die Kombination von hohem fachlichen Niveau bei gleichzeitig niedriger Zutrittsschwelle auszeichnen. Drei Beispiele.

Kleinwindanlagen: Vorsicht bei Versprechungen

Patrick Jüttemann berichtet auf seinem Portal Klein-Windkraftanlagen.com über neueste Entwicklungen bei den kleinen Energie-aus-Wind-Machern. In seinem Vortrag räumte er mit einigen beliebten Vorurteilen gegenüber diesen Anlagen mit einer Masthöhe von maximal 10 Metern und einer Leistung von 1000 bis 5.000 kWh pro Jahr auf. Entgegen den Versprechungen vieler Hersteller müsse der Standort für derartige Anlage sehr genau geprüft werden.

Grund ist die Tatsache, dass die Energie eben nicht wie bei Photovoltaik von oben kommt. Der Wind weht nun mal von der Seite. Jedes Haus und jeder Baum in der Nähe können stören, die den Wind verwirbeln und die Leistung der Windräder stark vermindern. Jüttemann riet, zunächst ausgiebige Windmessungen vorzunehmen und sich dann eine Anlage mit Rotor und horizontaler Achse neben das Haus zu stellen. Baugenehmigungen gibt es dafür übrigens zügig, wenn man den Strom selbst verbraucht.

Besonders in Kombination mit einer Solaranlage sei eine derartige Investition sinnvoll, so Jüttemann. Viele seiner Fotos zeigten Bauernhöfe. Eines machte der Kleinwindexperte aber auch klar: „Wenn wir Wind für die Energiewende nutzen wollen, müssen wir große Windkraftanlagen bauen. Diese durch kleine Anlagen zu ersetzen ist auf Grund der geringen Leistung völlig unmöglich.“

Bitkom: Intelligente Stromzähler kommen

„Wir ziehen dem Stromnetz einen Kommunikationslayer ein,“ sagte Felix Dembski, Bereichsleiter Intelligente Netze & Energie beim IT-Branchenverband Bitkom, der in seiner Session über den Status der Gesetzgebung berichtete, mit der die Einführung von intelligenten Stromzählern flächendeckend geregelt werden soll. Fakt sei: Nur mit einer weitgehenden Digitalisierung der Energiewirtschaft lassen sich langfristig Netzstabilität und Versorgungssicherheit gewährleisten.

Datenschutz im intelligenten Netz

Stichwort: Smart Grid. Dem trägt die Bundesregierung Rechnung und will daher die Einführung von Smart Metern, die bisher eher schleppend vorankommt, gesetzlich vorschreiben. Ab 2017 werden zunächst alle größeren Verbraucher damit beglückt (>6.000 kWh Jahresverbrauch). Die normalen Haushalte werden erst ab 2020 flächendeckend damit ausgestattet. Den Sinn der Smart Meter sehen zwar viele ein, weil nur damit eine komplexe Steuerung des Stromverbrauchs durch minutengenaue Tarife möglich ist. Andererseits gibt es viele Bedenken beim Datenschutz. Dem trägt die in dem Gesetz vorgeschriebene IT-Architektur durchaus Rechnung. So sei „privacy by design“ vorgesehen, das System sei nicht mit dem Internet verbunden. Es werde eine ausgefeilte Verteilstruktur der Verbrauchsdaten an die verschiedenen „Datenzugangsberechtigten“ etabliert.

Letzteres bedeutet zum Beispiel, dass niemand – Stromlieferant, Übertragungsnetzbetreiber, Messstellenbetreiber usw. – alle Daten über den persönlichen Energieverbrauch konsolidiert in einer Hand zur Verfügung hat. Staatlicher Zugriff auf die Daten ist ebenso verboten, selbst eine Beschlagnahme durch Ermittlungsbehörden ist nicht gestattet.

Strommarkt 2.0: Kapazitätsreserve und virtuelle Kraftwerke

Über den Stand der seit Monaten geführten Diskussion um die Reform des Strommarktes berichteten Bernhard Strohmayer, wissenschaftlicher Mitarbeiter eines einschlägigen Forschungsinstitutes, sowie Helen Steiniger von dem Unternehmen Next Kraftwerke.

Der Strommarkt ist streng reguliert und funktioniert in einem komplizierten Prozess. Grund dafür ist letztlich seine Besonderheit: Strom muss immer genau dann produziert werden, wenn er verbraucht wird – und umgekehrt. Erzeugung und Verbrauch fallen zeitlich zusammen. Um das in der Zukunft zu organisieren, vor allem sicherzustellen, dass in sonnen-/windarmen Zeiten genug Strom produziert und in sonnen-/windstarken Zeiten der erneuerbare Strom bevorzugt genutzt wird, ist ein komplizierter Mechanismus vorgesehen, um Versorgungsengpässe mit alten Kraftwerken zu schließen.

Diese sogenannten Kapazitätsreserven werden immer dann hochgefahren, wenn im Netz erhebliche Menge Strom fehlen. Teilweise binnen 30 Sekunden müssen riesige Volumina Strom zur Verfügung gestellt werden (mit dem sich dann ganz gut Geld verdienen lässt), was kleine Anbieter aber gar nicht leisten können. Diese können sich nun aber virtuellen Kraftwerken anschließen. Ein solches virtuelles Kraftwerk besteht aus vielen kleinen Anlagen, die jedoch zentral gesteuert werden können. So kann es durchaus sinnvoll sein, das gasbetriebene Notstromaggregat eines Krankenhauses in Spitzenzeiten 4-5 Stunden an der Stromproduktion teilhaben zu lassen. Durch diese verbesserte Integration in den Strommarkt haben auch kleine Erzeuger die Chance, ihren Strom direkt an der Strombörse zu vermarkten.

Fazit: Viel in Bewegung

Die Energiewende ist in vollem Gange und zeigt erste positive Resultate. Nicht alles hat sich aber so entwickelt, wie erwartet. Für die Zukunft erwarten uns noch große Herausforderungen. Wie die zu überwinden sind, darüber sind sich die Akteure naturgemäß nicht ganz einig: Zu unterschiedlich sind beispielsweise die Interessen von Kohleregionen, Energieversorgern, Bürgerenergiegenossenschaften oder Betreibern von Solarfarmen. Noch ist nicht in allen Details klar, wie es weitergeht, was zu einer gewissen Verunsicherung in der Energiewirtschaft beiträgt. Die konnte man auf dem Barcamp in vielen Diskussionen spüren. Es bleibt spannend.

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