Er trägt ein hochgeschnittenes Hemd, eine Hose, die er fast bis zur Brust hinauf ziehen kann und einen eleganten Hut.

So begrüßt Emil Rathenau, Gründer des Elektrokonzerns AEG etwa 20 Gesellinnen und Gesellen aus seiner Zeit. „Hochkarätige Industrielle“, deren Sekretäre, ein junger Laufbursche und sogar Frauen wie ich, die ohne männliche Begleitung angereist sind (wohl etwas ungewöhnlich für das ausgehende 19. Jahrhundert), treffen sich beim Ausstellungspavillon in Rheinfelden.

Wir sind alle gekommen um zu erfahren, mit welchen Ideen zur Stromgewinnung Rathenau die Industriellen überzeugen will in ein neues Wasserkraftwerk zu investieren.

Emil Rathenau

Rathenau fehlt es nicht an Überzeugungskraft.

Simon Kuner alias Emil Rathenau zieht uns als Besucher der historischen Führung zum alten Wasserkraftwerk Rheinfelden von Beginn an in seinen Bann. Ich fühle mich sofort ein bisschen in die Zeit des späten 19. Jahrhunderts zurückversetzt. Den anderen scheint es gleich zu gehen.

Kuner spielt mit den Leuten und die Leute spielen mit. Besonders die Herren haben sichtlich Spaß daran, auf seine Fragen zu antworten, ihm zur Begrüßung vornehm die Hände zu schütteln und selbst in die Rolle eines Industriellen zu schlüpfen.

Ein Kraftwerk fast so stark wie die Niagara-Wasserfälle

Interessiert lauschen wir den neumodischen Plänen zum Bau eines Flusskraftwerks in Rheinfelden.

Laut „Rathenau“ wird es gleich an zweiter Stelle nach den Niagara-Wasserfällen stehen. Das sind ja große Pläne. Aber er ist ja auch ein großer Mann. Er hat eine sehr kräftige Stimme, ein selbstsicheres Auftreten und beherrscht natürlich perfekt die gewählte Sprache eines Berliner Unternehmers, der sich ein bisschen über den doch sehr ländlichen Raum hier lustig macht.

Mit Witz und Elan erklärt

Im Ausstellungspavillon  geht die Tour dann los.

Anhand von Modellen zeigt Rathenau, wie er plant, das Kraftwerk zu bauen. Zum Erklären der Turbinen werden wir Damen gebeten, uns auf dem unteren Teil der Treppe, der sogenannten Balustrade, aufzureihen, um unsere Kleider zu schonen.

Beim Treppenaufstieg zur Besichtigung des Rads, einem Teil des Generators, müssen wir dann aber „still hinterhergehen“. Diese Anspielung auf die noch weit entfernte Gleichberechtigung der Frau bringt mich besonders zum Lachen.

Rathenau veranschaulicht seine Ideen mit vollem Körpereinsatz und mit viel Eifer. Er scheut sich auch nicht, draußen eine Kreide zur Hand zu nehmen und Schwunglinien an eine Wand zu malen, um das Prinzip des Wechselstroms so anschaulich zu erklären, bis auch mir endlich ein Licht aufgeht.

Emil-Rathenau_Gleichstrom_Wechselstrom

Rathenau erklärt das Prinzip des Wechselstroms.

(Fast) grenzenlose Konzentration

Die Aufmerksamkeit nimmt allerdings ein wenig ab, als eine Joggerin an uns vorbeizieht. Rathenau kommentiert dies ungerührt: „Wohin flüchtest du? … Scheint ein armes Kind zu sein, sie hat auch recht wenig an.“

Ich staune, mit welcher Leichtigkeit „Rathenau“ es schafft, nun auch noch eine nichts ahnende Sportlerin in seine Reden einzubeziehen. So etwas nennt man dann wohl eine sehr geglückte Improvisation.

Eine Station weiter drängen wir uns dicht auf der Aussichtsplattform zusammen, um kein Wort von Rathenaus Berichten über seine Kinder und seine Geschichte zu verpassen. Ich höre gern zu und muss doch zugeben, dass ich manchmal zugunsten Rathenaus Art zu sprechen und seiner Scherze den inhaltlichen Faden verliere.

„Ist das neu?“, „Wo hat der Besucherführer sich das alles angeeignet und in welchem Zeitraum?“ „Wer ist das? Ich dachte, es wär ein Profi!“ höre ich auch die Besucher zwischendurch flüstern und freue mich über die ungläubigen und beeindruckten Kommentare.

Zukunftsvisionen

Hin und wieder fallen zwar Regentropfen vom Himmel, doch unbeirrt folgen wir dem schicken Mann im schwarzen Anzug und versuchen dann auch seine neueste Zukunftsvision zu verstehen.

Er hat nämlich schon eine Idee, wie ein weiteres Kraftwerk in etwa 100 Jahren aussehen könnte. Ein „Modell“ im Maßstab 1:1 steht auch gleich parat und so steigt Rathenau mit uns hinab in eine sehr moderne Anlage, die in dieser Form später einmal von der Generation der Urenkel des jungen Laufburschen aufgebaut werden könnte.

Laut ist es in diesem Bau. Wir sehen vier Maschinen, die zusammen irgendwann einmal mehr Strom produzieren könnten als die 20 Maschinen des aktuellen Modells. Ich traue meinen Ohren kaum. Dieses Zukunftsmodell würde 600 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr produzieren und 170 000 Haushalte versorgen. Dagegen sähe Rathenaus jetziger Entwurf mit 185 Millionen Kilowattstunden ja schon ganz alt aus.

Wasserkraftwerk-Rheinfelden

Ein Blick in die Zukunft.

Wir begutachten schließlich auch noch ein vom Fluss abgetrenntes Gewässer. Es ähnelt einer Treppe und scheint viele Fische zu beherbergen. „So könnte einmal eine moderne Fischfangeinrichtung aussehen“, meint Rathenau dazu. Interessant, der denkt wirklich an alles.

Aber so etwas klingt nun wirklich nach Zukunftsmusik, jetzt geht es erst einmal zur Vertragsunterzeichnung. Rathenau hat die Industriellen nämlich überzeugt, in das Kraftwerk zu investieren.

Möchten Sie mehr von Simon Kuners Improtalent erleben? Schauen Sie doch einmal bei „Lux – Theater des Moments“ vorbei. Infos unter http://www.theater-lux.de//

 

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