Schaffen wir die Energiewende? Wo hakt es, was läuft gut? Was muss politisch in 2016 geschehen, um die Umsetzung dieses historischen Projekts weiter voranzubringen? Diesen Fragen widmete sich eine Veranstaltung der Stiftung Energie und Klimaschutz in Stuttgart. Das vielleicht überraschendste Ergebnis: Im Großen und Ganzen sind sich Wirtschaft, Politik und Wissenschaft einig.

Die Energiebranche im Wandel

Die Energiebranche befindet sich in einem tiefgreifenden technologischen Wandel. Der Klimawandel ist eine Realität, die durch den steigenden CO2-Ausstoß verursacht wird und eine Abkehr von fossilen Energiequellen erfordert. Erst kürzlich hat die Weltgemeinschaft auf dem Klimagipfel in Paris die Dekarbonisierung der globalen Energieversorgung bis zum Jahr 2050 beschlossen.

Was bedeuten solche Vorgaben aber konkret für die Energiewirtschaft? Welche Maßnahmen muss die Politik als nächste ergreifen? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der Diskussionsveranstaltung.

In Vorträgen und einer Podiumsdiskussion versuchten die Teilnehmer aus Energiewirtschaft, Politik und Wissenschaft, die Themen zu umreißen, die auf den energiepolitischen Nägeln brennen. Moderiert von der Wissenschaftsjournalistin Dr. Jeanne Rubner diskutierten Thomas Bareiß, MdB und Energiebeauftragter der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Prof. Dr. Eicke R. Weber, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE, Tilman Schwencke, Geschäftsbereichsleiter Strategie und Politik beim Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft sowie Dr. Hans-Josef Zimmer, Mitglied des Vorstands der EnBW AG.

Moderiert von der Wissenschaftsjournalistin Dr. Jeanne Rubner diskutierten (v.l.): Thomas Bareiß MdB, Energiebeauftragter der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Prof. Dr. Eicke R. Weber, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE, Präsident der Association of European Renewable Energy Research Centres EUREC und Mitglied im Scientific Board der Energy Watch Group, Tilman Schwencke, Geschäftsbereichsleiter Strategie und Politik, BdEW Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.V. und Dr. Hans-Josef Zimmer, Mitglied des Vorstands der EnBW Energie Baden-Württemberg AG.

Moderiert von der Wissenschaftsjournalistin Dr. Jeanne Rubner diskutierten (v.l.): Thomas Bareiß MdB, Energiebeauftragter der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Prof. Dr. Eicke R. Weber, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE, Präsident der Association of European Renewable Energy Research Centres EUREC und Mitglied im Scientific Board der Energy Watch Group, Tilman Schwencke, Geschäftsbereichsleiter Strategie und Politik, BdEW Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.V. und Dr. Hans-Josef Zimmer, Mitglied des Vorstands der EnBW Energie Baden-Württemberg AG. Bild: Wolfgang List.

Am Netz hängt alles, auch das Technologieprojekt Energiewende

Zunächst ließ sich feststellen, dass bei den Teilnehmern vorwiegend Einmütigkeit bei einem zentralen Punkt herrscht: Die Energiewende ist eine unabwendbare Tatsache. Nun kommt es allerdings darauf an, sie zum einen technologisch zu ermöglichen und zum anderen so umzusetzen, dass möglichst geringe Nebenwirkungen für Wirtschaft und Gesellschaft daraus erwachsen.

Die Herausforderungen des „Technologieprojektes Energiewende“ sind enorm, wie der CDU-MdB Bareiß verdeutlichte. Statt 130 Erzeugern zählen wir heute 1,5 Millionen in Deutschland. Diese in ein funktionierendes Stromnetz zu integrieren sei keine leichte Aufgabe. Vor allem die Ertüchtigung der Stromnetze mache allen Beteiligten Kopfzerbrechen.

Der Netzausbau verursacht Kosten

Das gelte zum einen für die Übertragungsnetze, die zum Beispiel den Windstrom vom Norden der Republik in den Süden leiten sollen, zum anderen aber auch für die ortsnahen Verteilnetze, in die die große Mehrheit der vielen privaten Solaranlagen ihren Strom ins Netz einspeisen.

Der Ausbau kostet. Die so genannten Netzentgelte, mit denen die Kosten für den Netzausbau auf den Strompreis der Verbraucher umgelegt werden, steigen. Hier sah vor allem Prof. Weber eine Benachteiligung der so wichtigen Speichertechnologien, denn diese würden doppelt belastet, da sie als Verbraucher und als Erzeuger eingestuft würden und zweimal zahlen müssten. Das sei kontraproduktiv und ungerecht, so der Freiburger Photovoltaikexperte.

Das Netz ist bereits viel intelligenter geworden

Insgesamt äußerte sich Weber aber optimistisch über Status Quo und Zukunft der Energiewende. So seien zum Beispiel alle Bedenken in der Vergangenheit, dass mit dem wachsenden Anteil der erneuerbaren Energien die Stabilität des Netzes gefährdet sei, von der Realität entkräftet worden. Obwohl inzwischen ein Drittel des Stroms aus Sonne und Wind komme, sei das Netz stabil wie nie.

Alle entsprechenden Kennziffern würden zeigen, dass sich die Stabilität sogar erhöht habe, und zwar aufgrund der wachsenden Digitalisierung der Netze. „Das heutige Netz ist schon jetzt mit so viel Intelligenz versehen, dass es erheblich resilenter ist als früher“, so Weber. „Wir müssen jetzt beherzt weitergehen, denn die Energiewende bietet hervorragende Chancen. Die Zukunft sieht sonnig aus.“

Smart-Meter-Gateway

Transformation der Energiewirtschaft auf der Messe E-World 2016: Struktur des dem Stromnetz unterlegten Informationsnetzes

Die Herausforderungen der klassischen Energieversorger

Solchem Optimismus mochte sich EnBW-Vorstand Zimmer nur bedingt anschließen. Welche Herausforderungen die Energiewende für die großen Energieversorger tatsächlich im Moment bedeutet, machte er sehr deutlich. Durch die große Menge an erneuerbarer Energie auf dem Strommarkt seien die Erzeugerpreise in den letzten Jahren enorm gefallen, was natürlich für die Strom erzeugenden Unternehmen mit ihren großen Kraftwerken erhebliche Probleme mit sich bringe.

Waren 2012 für eine Megawattstunde Strom noch etwa 50 Euro zu erzielen, so müsse man sie Anfang 2016 für 21 Euro verkaufen. „Das ist für die EnBW eine dramatische Situation, denn zu solchen Preisen lassen sich weder konventionelle Kraftwerke noch Wasserkraftwerke wirtschaftlich sinnvoll betreiben. Die Situation ist ernst“, so Zimmer an die bei diesem Thema beeindruckend stille Zuhörerschaft aus Bürgermeistern, Landräten und Fachöffentlichkeit.

Zählerablesen

Transformation der Energiewirtschaft auf der Messe E-World 2016: Eine App, um die Zählerstände der alten, analogen Stromzähler zu vereinfachen und zu digitalisieren.

Mehr Markt!

An dieser Stelle war die Veranstaltung mitten in einer brisanten Diskussion, denn eigentlich würde die EnBW gerne unwirtschaftliche Kraftwerke stilllegen. Da machen ihr allerdings die Aufsichtsbehörden in Amtsperson der Bundesnetzagentur einen Strich durch die Rechnung. Die Stilllegungen wurden schlicht nicht genehmigt. Begründung: Die Kraftwerke müssen vorgehalten werden, um wetterbedingte Ausfälle bei der erneuerbaren Erzeugung im Ernstfall auszugleichen. Eine missliche Lage, die die Kraftwerksbetreiber viel Geld kostet und verständliche Forderungen nach finanziellem Ausgleich nach sich zieht.

In diesem Punkt ziert sich wiederum die Politik und möchte sowieso weg von der subventionsgesteuerten Energiepolitik der letzten Jahre. „24 Milliarden Umlage pro Jahr für die Erneuerbaren sind zu viel“, erklärte CDU-Politiker Bareiß. Die Besitzer privater Photovoltaikanlagen müssten mehr Verantwortung übernehmen und die prioritäre Einspeisung erneuerbaren Stroms langfristig ein Ende haben, forderte er. Die Privathaushalte müssten sich an Marktregeln gewöhnen und mit Speichersystemen mehr des selbst produzierten Stroms auch selbst verbrauchen.

Solaranlage

Transformation der Energiewirtschaft auf der Messe E-World 2016: Photovoltaiksystem mit Speichereinheit.

Billig ist nicht immer gut

Obwohl man sich generell einig war, dass das aktuelle, stark regulierte Design des Strommarktes in Richtung einer verstärkten Wirksamkeit von Marktmechanismen verändert werden muss: Es könnten sich daraus jedoch auch neue Probleme ergeben, bemerkte BdEW-Experte Schwencke. So sei es einerseits klimapolitisch wünschenswert, dass manchmal im Sekundentakt auftretende Erzeugungslücken mit Gaskraftwerken gestopft werden, die sich schnell hoch- und runterfahren lassen.

Problem dabei sei aber, so Schwencke, dass Strom aus Gas die teuerste Erzeugung bei den konventionellen Kraftwerken sei. Etwas günstiger sei Strom aus Steinkohle, noch billiger sogar aus Braunkohle. Bei der Klimaschädlichkeit ist es aber genau andersherum: Braunkohle ist mit Abstand die dreckigste Art, Strom zu erzeugen. Bei der Verstromung von Braunkohle wird mehr als doppelt so viel CO2 erzeugt wie aus Gas.

Das Problem ist knifflig, weil die Marktmechanismen nicht in die gewünschte Richtung wirken, und könnte mit einer Reform des Handels mit Verschmutzungszertifikaten gelöst werden, mit dem klimaschädliche Produktion belastet wird. Dieser Markt ist allerdings im Moment quasi außer Funktion, weil zu viele Zertifikate existieren und deren Preise im Keller sind. Eine Reform wird gerade auf europäischer Ebene ausgehandelt, aber die Widerstände dagegen sind erheblich, nicht zuletzt durch die Länder, denen kaum Alternativen zur Kohleverstromung zur Verfügung stehen.

Fazit: Wegen der Energiewende wird das Licht nicht ausgehen

Ja, es gibt noch erhebliche Herausforderungen bei diesem monumentalen Technologieprojekt, aber Wissenschaft, Politik und Unternehmen sind weiter optimistisch: Wir kriegen das in den Griff. Einige Entwicklungen haben nicht ganz wie gewünscht zum Ziel geführt. Wie im einzelnen nachgesteuert werden soll, darüber wird weiter diskutiert, wobei die Perspektiven je nach Interessenlage naturgemäß nicht unbedingt übereinstimmen.

Jedenfalls wird wegen der Energiewende nicht das Licht ausgehen. Auch in der Zukunft wird der Strom verlässlich aus der Steckdose kommen, denn der Erfindungsreichtum und die technologische Kompetenz dieser Branche kommen mit dieser Herausforderung voll zum Tragen.

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