„Wenn das Kabel oben ist, sind wir noch lange nicht fertig“, sagt Leo Gerspacher, Teamleiter Hochspannungsanlagen und Sekundärtechnik bei ED Netze. 30 Meter über ihm auf Mast 25 hantiert Freileitungsmonteur Marcel Thomas der Firma EDI.SON in luftiger Höhe an einem Kabelziehstrumpf. „Er muss jetzt das Ende des alten Kupferkabels mit dem Anfang des neuen Lichtwellenleiters verbinden“, erklärt Gerspacher. „Dann ziehen wir mit einer Seilzugmaschine die Kabel über Mast 24 zu Mast 23.“

Sein Blick schweift auf die andere Seite des Tals. Unter den Monteuren liegt Ittenschwand im Schein der Morgensonne. „Dort drüben bin ich geboren. Hier habe ich meine Kindheit verbracht“, sagt Gerspacher und zeigt in Richtung Süden. Er kennt die Region wie seine Westentasche. „Seit 32 Jahren arbeite ich für Energiedienst, in dieser Zeit habe ich vermutlich schon jeden Mast persönlich begrüßt“, lacht der 59-Jährige.

Leo Gerspacher erklärt die Funktion des Kabelziehstrumpfs.

Marcel Thomas verbindet auf Mast 25 das alte Kupferkabel mit dem Kabelziehstrumpf mit dem neuen LWL-Lichtwellenleiter.

Gut zwei bis drei Monate bereitete Gerspacher mit seinem Team den Tausch des Luftkabels auf der 110-kV-Hochspannungsleitung vom Umspannwerk Zell zum Umspannwerk Schönau vor.

Unzählige Berechnungen waren notwendig, aber auch Gespräche mit Anwohnern, Grundstückseigentümern, Pächtern, Gemeinden sowie Kommunen und selbstverständlich mussten auch Institutionen wie die Polizei und das Landratsamt benachrichtigt werden.

Weitere zwei Monate dauerte die Montage. „Das neue Kabel wurde für die Verlegung der 39 Abspannabschnitte vorkonfektioniert und auf fünf Kabeltrommeln gewickelt“, sagt Gerspacher. „Insgesamt werden wir knapp 18 Kilometer Kabel verlegen.“

An einem Stück wäre das Kabel zu lang für eine Kabeltrommel und zu schwer für den Transport durchs unwegsame Gelände. „Es wiegt pro Meter knapp ein Kilogramm“, erläutert Gerspacher.

Leo Gerspacher (vorne) behält stets den Überblick. Der neue Lichtwellenleiter (blaue Kabeltrommel) wird auf Mast 25 hochgezogen.

In den kommenden Wochen werden die einzelnen Kabelstücke mit einem Lichtbogen-Spleißgerät miteinander verbunden, und in speziellen Muffen untergebracht. Da das Kabel 144 Glasfasern zählt und jede Faser einzeln gespleißt werden muss, dauert der Vorgang pro Muffe etwa einen Tag.

Beim Spleißen werden die Faser justiert und thermisch miteinander verschmolzen. Dazu justiert das Spleißgerät die lichtleitenden Kerne der beiden Faserenden punktgenau aufeinander.

Die Kabel werden auf dem Boden gespleißt, nicht auf den Masten. Deshalb werden sie jeweils von den Mastspitzen bis etwa drei Meter über den Boden und dann in einem Bogen zurück nach oben geführt. So können sie zum Spleißen herunter genommen werden.

Die Muffen hängen später in einer Höhe von rund zehn Metern.

Ausgeführt werden die Montagearbeiten von der Firma EDI.SON Energietechnik, einem Leitungsbaunternehmen für Hochspannungsfreileitungen zwischen 20 kV und 380 kV.

Die Leitungen von Zell nach Schönau passieren auf ihrem Weg 41 Gittermasten, die in Entfernungen von 150 bis 650 Metern voneinander entfernt stehen und über Berge und Täler führen. Dabei überwinden die Kabel Höhenunterschiede von bis zu 130 Metern zwischen zwei Masten. „Auf dem längsten Teilstück haben die Leitungen bei einer Temperatur von 40 Grad Celsius einen Durchhang von rund 55 Metern“, erläutert Gerspacher. „Das neue LWL-Kabel verläuft dabei stets parallel zu den Stromleitungen.“

Die 144 optischen Fasern des neuen Kabels der Firma AFL sind in drei kompakten Bündeln aus rostfreien Edelstahlröhrchen zu je 48 Glasfasern zusammengefasst. Umgeben sind sie von aluminiumummantelten Stahldrähten sowie weiteren Drähten aus einer speziellen Aluminiumlegierung. Das rund 17 Millimeter starke LWL-Luftkabel ersetzt das alte Luftkabel aus Kupfer. Dabei vereint es zwei Funktionen: Als Erdseil dient es dem Blitzschutz, als Datenleitung der Übertragung von Informationen.

„Wir werden das Kabel vor allem für die Fernüberwachung und Steuerung des Stromnetzes verwenden, um Messwerte zu übermitteln und Umschaltarbeiten vorzunehmen“, sagt ED Netze-Informationstechniker Michael Schneider. Durch die Dezentralisierung der Energieversorgung wird die Steuerung des Netzes immer komplexer, es müssen zunehmend mehr und größere Datenmengen immer schneller übermittelt werden.

Freileitungsmonteur Marcel Thomas von der Firma EDI.SON installiert in rund 30 Metern Höhe auf Mast 25 eine Arbeitserde.

Derweil wird oben auf dem Mast fleißig gearbeitet. Die Arbeit an der Hochspannungsleitung erfordert höchste Konzentration, insbesondere von den Monteuren auf den Masten.

„Einer der beiden Stromkreise zum Umspannwerk Schönau steht während der Verlegung immer unter Spannung“, erklärt Leo Gerspacher. Vor Beginn der Arbeiten schaltet die Netzleitstelle einen der Stromkreise ab, sichert diesen gegen ein versehentliches Wiedereinschalten und informiert Leo Gerspacher.

Der aufsichtsführende Kolonnenführer von EDI.SON erhält daraufhin eine schriftliche Freimeldung. Nach einer Spannungsprüfung wird die Leitung dann geerdet und kurzgeschlossen. Eine grüne Fahne signalisiert Spannungsfreiheit.

Eine grüne Fahne zeigt es: Die Leitung ist abgeschaltet, führt also keinen Strom.

Doch warum der ganze Aufwand? „Die Glasfaserkabel punkten mit hohen Übertragungsraten über weite Strecken hinweg bei geringer Dämpfung“, erklärt Schneider. Aktuell bewegen sich die maximalen Übertragungsraten einer einzelnen Glasfaser mit auf dem Markt gängigen Endsystemen im Bereich von mehreren Terabit pro Sekunde.

In Laborversuchen seien bereits Übertragungsraten im Petabit-Bereich erzielt worden, berichtet Schneider. Zudem sind die Glasfaserkabel immun gegen zahlreiche Umgebungseinflüsse, die die alten Kupferkabel beeinträchtigen können.

Insbesondere sind sie unempfindlich gegenüber elektromagnetischen Interferenzen und Funkfrequenzinterferenzen, Signalüberlagerungen und Impedanzproblemen sowie gegenüber Temperaturschwankungen. Die alten Kupferkabel wiesen schon leichte Beschädigungen auf, besonders durch Blitzeinschläge.

Ein Mitarbeiter der Firma EDI.SON überwacht die Seilwinde.

„Uns kommt es bei dem neuen LWL-Lichtwellenleiter nicht auf die maximale Bandbreite an, sondern auf die höhere Zuverlässigkeit und die kürzere Latenzzeit“, sagt Schneider. Dabei bezeichnet die Latenz die Zeit, die die Daten vom Sender bis zum Empfänger benötigen.

Der Lichtwellenleiter soll darüber hinaus Teil des Backbones des Breitbandnetzes im Landkreis Lörrach für TV, Internet und Telefon werden.

Ein Vertreter der örtlichen Presse informiert sich bei Leo Gerspacher (links) über den Stand der Arbeiten.

Weitere optische LWL-Luftkabel wurden und werden derzeit in Rheinfelden und Weil am Rhein montiert. In den nächsten zwei bis drei Jahren sollen noch vier weitere Strecken im Landkreis Lörrach mit neuen optischen LWL-Luftkabeln ausgerüstet werden.

Insgesamt wird ED Netze in den Austausch der Luftkabel mehr als 1,5 Millionen Euro investieren.

„Die Strecke vom Umspannwerk Zell zum Umspannwerk Schönau ist dabei die längste und kostenintensivste Strecke“, verrät Schneider.

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