Schrauben, basteln, tüfteln: Das ist der Weg aus der Wegwerfgesellschaft für Bestseller-Autor Wolfgang M. Heckl. Warum das Reparieren so wichtig ist, erzählt er im Interview.

Kaffeemaschine, Mixer, Toaster – viele Elektrogeräte geben kurz nach Ablauf der Garantie ihren Geist auf. Schuld daran ist kein Fluch oder Voodoo-Zauber, sondern die geplante Obsoleszenz. Das ist eine von der Industrie gesteuerte Lebensdauer von Produkten, die dem Wissenschaftler und Buchautor Wolfgang M. Heckl besonders sauer aufstößt. Der 61-Jährige Generaldirektor des Deutschen Museums ist eines der Gesichter der deutschen Reparatur-Bewegung.

Das Reparieren ist seit Heckls Kindheit seine Leidenschaft, mit fünf Jahren zerlegte er sein erstes Radio. Die Reparatur gelang ihm damals nicht, aber sein Ehrgeiz war geweckt. Seitdem bastelt und schraubt Wolfgang M. Heckl so viel es nur geht in seiner Freizeit. Vor einigen Jahren widmete der Physiker seinem Hobby ein viel beachtetes Buch: „Die Kultur der Reparatur“ , ein Manifest gegen die heutige Wegwerfgesellschaft, wurde zum Bestseller. Wir haben das zum Anlass genommen, um mit ihm zu sprechen.

 

Reparieren ist Ihre große Leidenschaft. Hauptberuflich sind Sie Physiker und Generaldirektor des Deutschen Museums. Reparieren Sie gerade mehr als üblich?

Wolfgang M. Heckl: Ich habe schon vorher viel repariert – irgendein Hobby braucht man ja. Ich repariere allerdings derzeit nicht mehr als üblich. Aber aufgrund der Corona-Krise haben viele Menschen das Reparieren als sinnvolle Freizeitbeschäftigung (wieder) entdeckt. Wenn man im Job viel eingespannt ist, bleibt viel liegen. Jetzt hat man Zeit für solche Dinge wie zum Beispiel Socken flicken. Das mag altmodisch klingen, aber ich trage Socken, die gut und gerne 40 Jahre alt sind. Es geht dabei in erster Linie um die Autonomie des Selbermachen-Könnens. In Zeiten von Corona haben viele das Gefühl, dass sie überhaupt nichts mehr machen können. Die Krise bietet auch die Chance, dass man wiederentdeckt, dass man sehr wohl in der Lage ist, einiges mit den eigenen Händen und Kapazitäten zu machen.

„Jeder kann reparieren, wenn auch auf unterschiedlichem Niveau.“

Wolfgang M. Heckl, Bestseller-Autor, Physiker und Generaldirektor des Deutschen Museums.

Wolfgang M. Heckl, Bestseller-Autor, Physiker und Generaldirektor des Deutschen Museums. Bild: Deutsches Museum

 

Wie würden Sie für sich das Reparieren definieren?

Heckl: Das Reparieren ist eine Schule des Lebens – der Zugang zum Reparieren ist niederschwellig, das heißt, jeder kann reparieren, wenn auch auf unterschiedlichem Niveau. Kinder haben alle die Fähigkeit etwas zu reparieren. Denn sie sind neugierig, wollen etwas selber machen, die Welt erkunden, hinter die Dinge blicken, etwas zerlegen, auch wenn sie es am Ende nicht wieder zusammenbauen können. Das ist aber nicht so schlimm, die Erkenntnis hat gewonnen. Das sind angeborene Verhaltensweisen, ohne die der Mensch nicht überleben könnte.

Im Laufe der Erziehung gehen diese Fähigkeit aus unterschiedlichen Gründen oft verloren. Es gibt ja beispielsweise heutzutage keinen Werkunterricht in der Schule mehr. Wenn es mir gelingt, etwas zu reparieren, löst das einen sentimentalen Vorgang aus, gleichzeitig lerne ich Ursache- und Wirkungsprinzipien zu verstehen. Man lernt Durchhaltevermögen und, was im Leben sinnhaft ist. Hinzu kommt der ökologische Aspekt: Das Reparieren entspricht dem natürlichen Aspekt der Kreislaufwirtschaft , vor der Wiederverwertung im hoffentlich molekularen Recycling, wie es die Natur macht.

„Wir brauchen Entdecker, Entwickler und Problemlöser!“

 

Das „Pimpen“ des Lebenslaufs ist mittlerweile fest in unserer Gesellschaft verankert. Dann sollte ich die Fähigkeit des Reparierens dort künftig unter besondere Fähigkeiten aufführen?

Heckl: Unbedingt! Wer die Leidenschaft hat zu reparieren, der ist prädestiniert dazu, einmal Ingenieur zu werden. Wer als Jugendlicher sein Moped getunt hat, der ist natürlich viel besser aufgestellt, einmal Mechatroniker zu werden, als jemand, der dies studiert, sich aber nie Finger mit Öl schmutzig gemacht hat. Wir brauchen Entdecker, Entwickler und Problemlöser!

Buchcover „Kultur der Reparatur“ von Wolfgang M. Heckl

Buchcover „Kultur der Reparatur“ von Wolfgang M. Heckl. Laut dem Bestseller-Autor entkommen wir der Wegwerfgesellschaft, in dem wir wieder reparieren lernen. Bild Buchcover: Carl Hanser Verlag

 

Sie haben der „Kultur der Reparatur“ ein ganzes Buch gewidmet, das zum Bestseller wurde. In Ihrem Werk nehmen Sie kein Blatt vor den Mund und kritisieren unter anderem die heutige Industrie.

Heckl: Das ist richtig. Da fällt einem Handy-Prozenten plötzlich ein, dass der Akku nicht mehr ausgetauscht werden kann. Das war ja anfangs noch anders. Wenn der Akku nach zwei bis drei Jahren den Geist aufgab, konnte man das Handy aufmachen und ihn auswechseln. Die Industrie hat dann reagiert und diese Möglichkeit abgeschafft, um die Gesellschaft zum Konsum anzuregen. Die Handys wurden also fortan verschweißt und es war nicht mehr möglich, sie ohne Weiteres zu öffnen. Bei meinem Netbook habe ich vergangene Woche noch eine neue Festplatte eingebaut – brauchte dafür aber einen Spezial-Schraubenzieher.

Viele Produkte kann man heute nur schwer oder gar nicht reparieren.

Wolfgang M. Heckl kritisiert, dass die Industrie durch ihre Produktion erschwert z. B. Elektrogeräte zu reparieren. Bild: karepa/Adobe Stock

 

Das Recht auf Reparatur, das ja EU-weit angedacht ist, könnte es der Industrie künftig etwas schwerer machen, solche Reparatur-Fallen einzubauen. Das wäre ja ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Heckl: Ich denke, das wird in absehbarer Zeit umgesetzt. Zwar hat die Corona-Krise jetzt alles ein wenig gestoppt und durcheinandergebracht, aber aus meiner Sicht gibt es keinen anderen Weg.

 

Früher war es gang und gäbe, Dinge zu reparieren oder etwas selbst zu nähen oder zu bauen. Dann wollten die Leute lieber neue Dinge zu kaufen. Mittlerweile wandelt sich das Verhalten wieder. Womit erklären Sie sich das?

Heckl: Früher spielte oft die finanzielle Situation eine Rolle. Oft war schlichtweg nicht das Geld da, um neue Dinge zu kaufen. Dann wurde der Socken eben geflickt. Heute kommt dem Socken flicken eine ganz neue Bedeutung zu: Es wird damit ein Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft gesetzt. Denn so wir heute leben, kann es nicht weitergehen. Die Ressourcen der Erde sind nun mal sehr endlich.

 

Die Repair-Cafés boomten ja schon vor Corona. Bekommt dieser Trend durch die Krise noch einen Schub?

Heckl: Im Moment kann man ja logischerweise nicht ins Repair-Café gehen. Aber die Leute entdecken in der Zeit, die sie zuhause verbringen müssen, dass man nicht den ganzen Tag nur Streaming-Dienste schauen kann. Stattdessen wollen sie sich lieber manuell beschäftigen und fangen an zu basteln oder zu handwerkeln. Wenn in dieser Zeit ein wenig der Hunger für diese zum Teil vergessenen Tätigkeiten geweckt wird, dann könnte dies in der Nach-Corona-Zeit dazu führen, dass man danach ein Repair-Café aufsucht und sich der Bewegung anschließt, sich etwas zeigen und sich helfen lässt. Denn in der Corona-Zeit hat man auch einmal die Muße dazu, darüber nachzudenken, welche gesellschaftliche Lebensweise vielleicht vernünftig ist. Ich glaube, dass wir einen großen Wandel erleben werden. Das wäre sozusagen der Kollateralnutzen.

 

Macht Sie das Reparieren persönlich zu einem glücklicheren Menschen?

Heckl: Auf jeden Fall. Glücksgefühle können ja auf verschiedene Art und Weise ausgelöst werden. Erstens freue ich mich darüber, dass ich etwas verstanden habe. Zweitens bin ich glücklich, dass ich etwas geschafft habe. Und drittens fühle ich mich gut, weil mich meine Frau dafür lobt und sie als Belohnung Dampfnudeln für mich gekocht hat. Das größte Glück ist doch, wenn ein anderer dir in die Augen schaut und sagt: Mensch, das hast du aber gut gemacht!

„Das Prinzip des molekularen Recyclings müssen wir künftig verstärkt von der Natur abschauen.“

 

Was würden Sie sich für die Zukunft wünschen?

Heckl: Bestimmte Dinge hat uns die Natur sehr voraus, zum Beispiel die Recyclingwirtschaft. Das Prinzip des molekularen Recyclings müssen wir künftig verstärkt von der Natur abschauen. Alle Moleküle der Erdkruste, die wir für unser tägliches Leben brauchen, müssen am Ende – nach mehrmaliger Reparatur – in den Kreislauf zurückgeführt werden. Bei der Herstellung von Plastik beispielsweise arbeiten Forscher derzeit daran, diesen Prozess wieder rückgängig zu machen. Man müsste dann das einmal hergestellte Plastik nicht mehr verbrennen oder anderweitig entsorgen. Um diesen Prozess zu beschleunigen, müssen wir mehr Menschen ausbilden, die sich vorrangig mit den naturwissenschaftlichen Grundlagen beschäftigen und nicht nur betriebswirtschaftliche Aspekte im Blick haben. Denn die Betriebswirtschaft wird uns am Ende nicht retten, sondern die Erfindungen der Forscher und Entwickler und deren breite Diskussion in der Gesellschaft.

Für den Physiker Wolfgang M. Heckl schont das Prinzip des molekularen Recyclings Ressourcen: Alle Teile müssen am Ende – nach mehrmaliger Reparatur – in den Kreislauf zurück.

Für den Physiker Wolfgang M. Heckl schont das Prinzip des molekularen Recyclings Ressourcen: Alle Teile müssen am Ende – nach mehrmaliger Reparatur – in den Kreislauf zurück. Bild: juanjo/Adobe Stock

 

Wolfgang M. Heckl: ein Tausendsassa

  • Der 61-Jährige ist Physiker mit dem Schwerpunkt Nanotechnologie; sein Forschungsgebiet ist die molekulare Selbstorganisation.
  • Heckl ist Generaldirektor des Deutschen Museums in München und betreibt dort auch ein Gläsernes Forscherlabor für Wissenschaftskommunikation.
  • Er ist Mitglied der Jury des Deutschen Zukunftspreises sowie des Deutschen Umweltpreises.
  • Seine Leidenschaft ist das Reparieren, dieser hat er vor fünf Jahren das Buch „Kultur der Reparatur“ gewidmet, das zum Bestseller wurde.

 

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