An die letzte totale Sonnenfinsternis, die in Deutschland sichtbar war, kann ich mich noch gut erinnern. Ich machte gerade ein Praktikum in der PR-Abteilung eines Chemieunternehmens im Rheinland. Und was war die wichtigste Aufgabe des Praktikanten? Genau: „Besorg mal so ne Schutzbrille. Ach ja, natürlich nicht nur für dich, sondern für die ganz Abteilung und die Geschäftsführung.“

Wenn ich das noch richtig im Kopf habe, bin ich dann zwei Tage vorher los und habe zig Läden nach diesen komischen Pappbrillen durchkämmt. Und es hat ewig gedauert, bis ich genügend aufgetrieben hatte. Denn die Brillen waren 1999 ein echter Hype und schon Wochen vorher ausverkauft.

Sofi_Brille_Blog

Die Original-SoFi-Brille von 1999.

Wie auch immer, die Dinger haben wir letztlich eigentlich nicht gebraucht, denn zumindest am Niederrhein war es damals bewölkt, hat geregnet und ich hab nichts, aber auch gar nichts von der Sonnenfinsternis gesehen.

Über die Brillen wird diesmal witzigerweise viel weniger gesprochen, auch wenn man nicht ohne in die Sonne blicken sollte und sie schon wieder schwer zu kriegen sind.

Nein, diesmal scheint die Gefahr eher im Schatten selbst als im Sonnenlicht zu lauern. Zumindest schreiben die regionalen und überregionalen Medien da schon eine ganze Menge drüber.

Aber was ist eigentlich die Herausforderung und für wen?

Wie bei jeder anderen Sonnenfinsternis auch schiebt sich am Freitag aus unserer Sicht der Mond vor die Sonne und wirft so einen Schatten auf die Erde. Das ist nicht ungewöhnlich und schon tausend Male passiert. Neu ist aber, dass wir im Zuge der Energiewende inzwischen richtig viele Photovoltaik-Anlagen auf Dächern und Feldern stehen haben, die einen großen Teil der deutschen und europäischen Stromversorgung decken.

In Deutschland sind rund 39.000 MW PV-Leistung installiert, die bei einem strahlenden Sonnentag rund ein Viertel der Einspeisung ins deutsche Stromnetz ausmachen. Im Vergleich dazu lag die installierte Leistung von PV-Anlagen 1999 deutschlandweit nahezu bei null.

Bei wolkenlosem Himmel bedeutet es, dass durch das Verdecken der Sonne innerhalb von ein paar Minuten die Leistung der PV-Anlagen reduziert wird und zwar von 16 GW auf 4 GW. Dies erfolgt übrigens deutlich schneller, nämlich zehn Mal schneller, als beim täglichen Übergang zwischen Tag und Nacht.

Voraussetzung für ein stabiles Stromnetz ist, dass sich zu jedem Zeitpunkt Einspeisung und Verbrauch die Waage halten. Am Freitag muss die wegfallende Leistung der PV-Anlagen kurzfristig durch das Hochfahren konventioneller Kraftwerke ersetzt werden.

Die eigentliche Herausforderung kommt aber erst im zweiten Teil der Sonnenfinsternis. Also dann, wenn das Sonnenlicht wieder zurückkommt. Dies geschieht ebenfalls sehr schnell und weil die Sonne dann höher steht, wird die Leistung, die von den PV-Anlagen eingespeist wird, deutlich höher sein. Sie liegt dann bei rund 23 GW.

Im gleichen Maße müssen die zugeschalteten konventionellen Kraftwerke wieder heruntergefahren werden. Also erst um 12 GW rauf und dann wieder um 19 GW runter und das innerhalb von rund 75 Minuten. Das wird sportlich für das Stromnetz.

Aber wie bei jedem Sport kann und muss man sich als Netzbetreiber auf Herausforderungen vorbereiten. Für die Stabilität des Stromnetzes sind in Deutschland die vier Übertragungsnetzbetreiber verantwortlich. Für die Regelzone Baden-Württemberg ist die Transnet BW zuständig.

Schon seit Monaten bereiten sich die Verantwortlichen auf diesen Tag vor. In einer Studie haben sie vier Szenarien für die Sonneneinstrahlung von bewölktem bis strahlend blauem Himmel durchgespielt und vorsorgliche Maßnahmen vorgesehen. So haben die Netzbetreiber natürlich ausreichend konventionelle Kraftwerke reserviert, die die schwenkende PV-Leistung ausgleichen sollen. Sie werden die Netzleitstellen und Warten am Freitag personell verstärken und haben zusätzlich die systemführenden Ingenieure geschult.

Fazit der Vorbereitung: Die Situation wird zwar eine Herausforderung, aber sie wird beherrschbar sein, weil sie im Vorfeld geplant werden kann. Denn der Verlauf der Sonnenfinsternis kann genau berechnet werden und der Sonnenschein kann ein paar Tage vorher ziemlich genau prognostiziert werden.

Doch was passiert, wenn dies alles nicht reicht? Geht dann das Licht aus?

Nein, denn dann werden die Übertragungsnetzbetreiber die Verteilnetzbetreiber über das sogenannte Einspeisemanagement einbinden. Dies wäre beispielweise der Fall, wenn am Ende der Sonnenfinsternis, wenn der Schatten die PV-Anlagen wieder freigibt, die Einspeisung der PV-Anlagen schneller ansteigt, als die konventionellen Kraftwerk reduziert werden können.

Die Verteilnetzbetreiber müssen dann über die Rundsteueranlagen oder Fernwirksysteme im eigenen Netzgebiet die Leistung der PV-Anlagen reduzieren.

Was bedeutet das für ED Netze als regionaler Netzbetreiber in Südbaden?

Im Netzgebiet der ED Netze gibt es mit rund 14.000 PV-Anlagen und einer installierten Leistung von insgesamt 200 MW relativ viele Anlagen. Zudem trifft der Mond-Schatten zuerst im äußersten Südwesten auf Deutschland.

ED Netze würde, wenn die Reduzierung der Leistung vom Übertragungsnetzbetreiber verlangt wird, über die Netzleitstelle in Rheinfelden die Rundsteuerempfänger auf den PV-Anlagen ansteuern und so die Leistung reduzieren. Ansteuerbar sind alle Anlagen mit einer Leistung größer als 30 KW.

Im ED Netze-Gebiet sind das insgesamt rund 900 Anlagen mit einer Leistung von 100 MW. Also nicht wenig.

Auch wenn die Situation eher unwahrscheinlich ist, sind wir darauf vorbereitet.

Seit Anfang dieser Woche findet ein ständiger Austausch mit dem Übertragungsnetzbetreiber über die Sonnenprognose und den Stand der Vorbereitungen statt. Und am Tag der Sonnenfinsternis selbst wird die Netzleitstelle in Rheinfelden mit zusätzlichem Personal besetzt sein. Die verantwortlichen Fach- und Führungskräfte sind in Bereitschaft und vorsorglich verzichten wir auf geplante Schaltungen im Netz, um es nicht unnötig zu stressen.

Wir verhalte ich mich jetzt als Stromnutzer?

Ganz einfach: Am besten so wie an jedem normalen anderen Freitag auch. Denn nur, wenn sich alle „normal“ verhalten, können die Prognosen der Übertragungsnetzbetreiber auch tatsächlich eintreffen

Doch vielleicht sind alle Vorbereitungen umsonst, denn die Wettervorhersage sagt für Freitag im Norden Deutschlands eher wolkiges Wetter voraus und wenig Sonne. Nur im Süden könnte die Sonne scheinen.

Wie mir scheint, habe ich diesmal vielleicht etwas Glück beim Betrachten der SoFi. Und wenn nicht, die nächste partielle Sonnenfinsternis kommt ja schon 2021.

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