Tag der offenen Tür im Kraftwerk Hottingen

Frauen und Maschinen – ein besonderes Verhältnis. Es gibt ja Damen, die ihren Autos Namen geben und sogar mit ihnen sprechen und manchmal auch schimpfen…

Manche spüren und hören anhand von Nuancen, wenn etwas mit dem fahrbaren Untersatz oder der Waschmaschine nicht stimmt. Das sagte man auch Mathilde Dötsch nach.

Die alte Dame war die Frau des letzten Maschinisten des Wasserkraftwerks Hottingen. Sie lebte bis zu ihrem Tod 2003 in der Kraftwerks-Wohnung.

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„Chömet, drinket e Glas Wii.“ (Rudolf und Mathilde Dötsch rechts) Foto: Chronik „100 Jahre Kraftwerk Hottingen“

Die umfangreiche Chronik „100 Jahre Kraftwerk Hottingen – Stromerzeugung zur industriellen Entwicklung des Dorfes“ berichtet weiter, dass Gäste immer willkommen waren.

Mechaniker, die zur Revision kamen, wurden von der damals 82-jährigen stets gut bewirtet – auch ein Schoppen Wein aus dem kraftwerkseigenen Weinkeller durfte es mal sein.

Aber nicht nur das: Sie soll die Männer einmal bereits mit den Worten „Guet, dass Ihr chömmet. Do stimmt was net an d‘Maschine, des hab i scho g’hört“ begrüßt haben. Mathilde Dötsch kannte „ihre“ Maschine eben ganz genau.

 

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Rudolf Dötsch in seinem „Weinkeller“ unter dem Kraftwerk. Foto: Chronik „100 Jahre Kraftwerk Hottingen“

Mathilde Dötsch war die Ehefrau von Rudolf Dötsch, der seit 1947/48 die Aufsicht über das Wasserkraftwerk hatte und sich um den laufenden Betrieb kümmerte. Die Beiden hatten auch nach seiner Pensionierung lebenslanges Wohnrecht in der Kraftwerks-Wohnung. 1975 wurde Rudolf Dötsch pensioniert.

Heute ist die ehemalige Dienstwohnung des letzten Maschinenwärters Rudolf Dötsch Ausstellungsraum. Zum 100-Jahr-Jubiläm 2008 wurde die Idee des Energiemuseums Hottingen in zwei Räumen der Wohnung eine kleine Ausstellung einzurichten, umgesetzt.

Familie Dötsch im Kraftwerk

Erster Maschinist war Hugo Dötsch, der Vater von Rudolf Dötsch. Er lebte mit seiner Familie im Kraftwerk über dem Maschinenraum.

Lange Jahre musste er mit der Petroleumlampe ins Bett finden, nachdem er abends die Turbine abgestellt hatte. 1910 wurde zur Selbstversorgung der Familie Dötsch eine Landwirtschaft mit vier Kühen eingerichtet.

Bei Störungen im Kraftwerk bediente Josefine Dötsch ein Signalhorn, um ihren Mann, den Maschinisten, herbeizurufen. Als Hugo Dötsch als Sanitätsunteroffizier bald nach Beginn des 1. Weltkriegs eingezogen wurde und bis 1918 im Einsatz war, lief das Kraftwerk trotzdem weiter.

Die älteren Hottinger erzählen sich noch heute, dass Josefine Dötsch besser über die Kraftwerkstechnik Bescheid wusste als ihr Mann; sie sei der „Maschinist“ gewesen.

Wasserkraftwerk Hottingen ging 1908 in Betrieb

Das Kraftwerk in Rickenbach-Hottingen an der Murg nahm 1908 seinen Betrieb auf. Ursprünglich für zwei Maschinen geplant, ging das Kraftwerk mit nur einer Maschine an den Start.

Die erste Kraftwerksturbine war eine Francis-Spiralturbine der Ravensburger Firma Escher-Wyss. Aufgabe des Kraftwerks war es ursprünglich, Strom für eine nahegelegene Weberei zu erzeugen.

Unter dem Leitspruch „Mög‘ dies Werk den Stürmen trotzen und Segen bringen allen Hotzen“ erzeugte sie im August 1908 die erste elektrische Energie mit einer Leistung von 220 Kilowatt bei einer Schluckwassermenge von 500 Litern pro Sekunde. In der Weberei trieb der Strom einen 135 PS starken Drehstrommotor an. Die Turbine lief zehn Stunden täglich.

Da die Weberei immer mehr Energie benötigte, wurde 1943 eine zweite Turbine im Kraftwerk installiert, mit ebenfalls 220 Kilowatt. Das Kraftwerk erzeugte zwischen 0,5 Millionen und 1,7 Millionen Kilowattstunden jährlich je nach Wasserführung der Murg.

1973 wurde die alte die Turbine mit Generator von 1908 stillgelegt und kann heute in der Schutzhütte im Freigelände des nahegelegenen Energiemuseums Rickenbach besichtigt werden.

Seit 1992 gehört das Kleinkraftwerk zur Energiedienst-Gruppe, die das Kraftwerk 1996 erneut modernisierte.

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Mathilde und Rudolf Dötsch nehmen Abschied vom alten Maschinensatz. Foto: Chronik „100 Jahre Kraftwerk Hottingen“

Noch heute wird das Wasser der Murg beim Stauwehr abgenommen und über einen offenen 32 Meter langen Oberwasserkanal in ein Betonrohr geleitet. Danach fällt das Wasser 778 Meter mit einem Gefälle von 1,5 Prozent am Hang entlang. Durch ein 170 Meter langes Stahlrohr stürzt es vom Wasserschloss in die Turbinen des Kraftwerks.

Neben der technischen Modernisierung verbesserte Energiedienst auch die ökologische Situation. So investierte das Unternehmen 2007 und 2011 in die Durchgängigkeit des Flusses: eine raue Sohlrampe ersetzt den bisherigen festen Wehrkörper und dient gleichzeitig als Fischpass.

Durch den Fischpass werden 150 Liter Wasser pro Sekunde abgegeben statt wie früher 15 Liter pro Sekunde.

In den letzten Monaten hat Energiedienst das Kleinwasserkraftwerk im Zuge der Projekts „Retrofit“ modernisiert. Es erhielt zwei neue Maschinen mit jeweils etwa 250 Kilowatt Leistung. Damit erhöht sich die Energieausbeute erheblich und das Kraftwerk erzeugt jetzt Strom für etwa 650 Haushalte.

Bereits im Herbst letzten Jahres hat der regionale Energieversorger die Restwassermenge in der Murg erhöht, um die ökologische Gewässersituation zu verbessern.

Mit den neuen Turbinen kann nun bei hoher Wasserführung der Murg mehr Wasser zur Stromerzeugung genutzt werden, bei geringer Wasserführung bleibt jedoch über das Jahr hinweg mehr Wasser im Fluss als bisher.

Tag der offenen Tür im Kraftwerk und Energiemuseum Rickenbach

Energiedienst lädt zusammen mit dem Energiemuseum Rickenbach zum Tag der offenen Tür am Sonntag, 6. September 2015, am Kraftwerk ein. Von 10 bis 17 Uhr können die Besucher zum Beispiel einen Blick in den Maschinensaal werfen, die alte Museumsmaschine 1908 besichtigen oder erleben, wie aus Wasserkraft Ökostrom wird.

Darüber hinaus bietet das Energiedienst-Tochterunternehmen my-e-car Probefahrten mit Elektrofahrzeugen an. Aktionen rund um das Thema Strom sowie eine Festwirtschaft bilden das Rahmenprogramm für die ganze Familie.

Die historische Wohnung über dem Maschinensaal ist natürlich ebenfalls geöffnet.

Mehr Infos

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Mathilde Dötsch bei einem Interview mit Schülerinnen, denen sie aus ihrem Leben im Kraftwerk erzählt. Foto: Chronik „100 Jahre Kraftwerk Hottingen“

Wenn Mathilde Dötsch das noch erleben könnte. Was würde sie wohl dazu sagen, dass ihre Wohnung heute ein Museum ist?

 

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